Die Geschichte

Im Jahre 1868 wurden drei neue Glocken von Meister Claren in Sieglar in den Tönen F, G, A gegossen. Die größte Glocke hat die Aufschrift einer viel älteren, umgegossenen aus dem Jahre 1430 erhalten. Sie lautet:

SENTEN MARTIN HIESSEN ICH
ANNO 1430.
Bild des h. Martinus.
Die Höhe der Glocke ist 83, der Durchmesser 106 ctm.

Inschrift der zweiten Glocke :

IN HONOREM B. M. V. SINE LABE CONCEPTA.
Bild der unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria.
Die Höhe beträgt 78. der Durchmesser 99 ctm.

Inschrift der dritten Glocke:

IN HONOREM BEATAE BABARAE ET SANCTI ROCHI.

Während des 2. Weltkrieges, am 18. März 1942, musste die Pfarrgemeinde ihre beiden größten Glocken an den Staat abgeben. Die Martinsglocke und die Barbaraglocke wurden eingeschmolzen und das Rohmaterial zu Kriegszwecken benutzt.

Nach dem Krieg bemühte man sich, die fehlenden Glocken so schnell wie möglich zu ersetzen. Die 4 Glocken wurden am 6. November 1948 auf festlich geschmückten Fahrzeugen nach Merten gebracht, wo sie am 7. November 1948 vom damaligen Domkapitular Pfarrer Dr. Wilhelm Neuss geweiht wurden. In einer festlichen Zeremonie, die vom Pfarrkirchenchor unter der Leitung von Josef Lennarz mitgestaltet wurde, wurden sie wieder in den Turm gebracht, wo sie sich heute noch befinden.

Die Bedeutung des Glockenläutens hat sich allerdings verändert. Früher verkündete der Glockenton Neuigkeiten und war nicht nur der Ruf zum Gottesdienst. In vielen Gemeinden wird die Totenglocke geläutet, wenn jemand verstorben ist und viele Pfarrangehörige treffen sich an der Kirche und lesen die Aushänge. Bei uns läutet die Totenglocke am Abend vor der Beisetzung 15 Minuten lang. Doch auch bei anderen Gelegenheiten hört man die Glocken - oder auch nicht.

Mit dem Abend des Gründonnertags beginnt der dreitägige Höhepunkt des katholischen Kirchenjahres: das Triduum Sacrum. Es umfasst das letzte Abendmahl am Gründonnertag, das Leiden und Sterben Christi am Karfreitag, die Grabesruhe am Karsamstag und die Auferstehung in der Osternacht. Zum letzten Mal erklingen die Glocken beim Gloria in der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag. Danach schweigen die Glocken – sie "fliegen nach Rom", wie es im Volksmund heißt. Warum sie nach Rom fliegen? – dafür gibt es verschiedene Erklärungen:

  • Um Milchbrei zu essen oder Kaffee zu trinken
  • Um mit dem Papst Mahlzeit zu halten
  • Um sich den päpstlichen Segen zu holen
  • Um Ostereier zu holen, die sie bei der Rückkehr ins Gras legen

Mit dem Gloria in der Osternacht setzt das Geläut der Glocken wieder mit vollem Klang ein und kündet von der Auferstehung Jesu Christi.

Während der Osterzeit, die mit dem Pfingstfest endet, wird in unserer Pfarrgemeinde wie auch in anderen gebeiert.

Dass in unserer Pfarrgemeinde nun das Beiern eigeschränkt stattfindet hat den Grund, dass uns der Nachwuchs fehlt. Wer also Lust hätte dieses Handwerk zu lernen, wendet sich bitte an unser Pfarrbüro und dort wird ihm weiter geholfen; frei nach dem Motto die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Geläutemotive / -klänge

Glocke / Gussnummer I 1198 II 1189 III 1197 IV Glockenname Rochus Barbara Maria Maria Glockengießer Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation Bernard Edelbrock und Albert Junker, Glockengießerei Heinrich Humpert, Brilon in Westfalen Gußjahr 1948 1948 1948 1922 Metall Gußstahl Gußstahl Gußstahl Bronze Durchmesser (mm) 1605 1430 1275 810 Schlagringstärke (mm) 96 87 74 60 Proportion (Dm/Sr) 1 : 16,6 1 : 16,4 1 : 17,2 1 : 13,5 Gewicht ca. (kg) 1760 1270 910 350 Konstruktion Sekund – Rippe Leichte Rippe Schlagton / Nominal es’+o f ’+1 g’+1 b’+3 Sekundschlagton / Nominalsekunde f ’+7 g’+7 a’+6 Quartschlagton / Nominalquarte es’’-2 Unteroktave es°-5 f °-2 g°+1 b°-11 Prime / Prim-Vertreter es’+1 f ’+2 g’+1 b’-1 Mollterz / Terz ges’+1 as’+1 b’+1 des’’+1 Quinte / QuintVertreter b’-11 ces’’-4 des’’-2 f ’’-14 Oberoktave / Oktave es’’-6 f ’’-3 g’’-6 b’’+2 Dezime ges’’-5 as’’-6 h’’+o d’’’-3 Undezime es’’’-6 Duodezime b’’-8 c’’’-8 des’’’+6 f ’’’+2 Tredezime g’’’+2 Quattuordezime a’’’-6 Doppeloktave / Doppeloktav-Vertreter es’’’+o f ’’’+8 g’’’+o ces’’’’-2 2’-Quarte es’’’’-2 Abklingdauerwerte (in Sek.) Unteroktave 92 75 70 40 Prime / Prim-Vertreter 40 32 28 19 Mollterz / Terz 17 14 12 14 Abklingverlauf steht.

Quellen AEK, Nachlaß Jakob Schaeben, Nr. 878 *Gerhard Hoffs

Glocken I-IV ? Freu dich, du Himmelskönigin (Gotteslob Nr. 576) ? Lobe den Herren (Gotteslob Nr. 258) ? Nun jauchzt dem Herren, alle Welt (Gotteslob Nr. 474)
Glocken I-III ? Pater noster (Gotteslob Nr. 378) ? Maria breit den Mantel aus (Gotteslob Nr. 949) ? Requiem ? Intr. Missa Pro Defunctis ? Vidi aquam, Antiphon Tempore Paschali´(Gotteslob Nr. 424, 2)
Glocken II-IV ? Gloria

Die Inschriften der Glocken

 Glocke I  Martinus-Glocke   IN HONOREM SANCTI MARTINI
 (Zu Ehren unseres Pfarrpatrons des heiligen Martinus)
 Glocke II  Rochus-Glocke  IN HONOREM SANCTI ROCHI
 (Zu Ehren des heiligen Rochus)
 Glocke III  Barbara-Glocke  IN H O N O R E M SANTI BARBARAE
 (Zu Ehren der heiligen BARBARA)
 Glocke IV  Alte Marien-Glocke  IN HONOREM BEATAE MARIA VIRGINIS
 (zu Ehren der allerheiligsten Jungfrau Maria)

Klangliche Beurteilung des Geläutes

nach Musikdirektor Jakob Schaeben, Euskirchen bei Köln (1905-1980):

Glocke I-III:
„Die auf einer vorzüglichen Stimmungslinie liegenden Schlagtöne treten beim Läuten klar und deutlich in Erscheinung; das melodische Element des Gesamtgeläutes wird in makelloser Klarheit intoniert. Die wesentlichsten Harmonietöne schmiegen sich in ausgezeichneter Reinstimmung an die Schlagtöne an, mit Ausnahme der zu tief liegenden Unteroktave es – 5/16, die den Zusammenklang mit einer leichten Trübung überschattet. Die Unteroktaven, Primen und Terzen zeigen ein ausgeglichenes, volles Klangvolumen ohne Härte. Die Vibrationsfähigkeit ist besonders bei der es‘- und g‘-Glocke selbst für Stahlglocken etwas kurzatmig, genügt jedoch zur volltönenden Überbrückung der Schlagtonpausen. Obwohl die Quinten vermindert sind, treten sie nicht störend in Erscheinung. Die zahlreichen, bis zur Doppeloktave nachweisbaren [Blatt 60] Obertöne beleben den Klang mit festlichem Glanze. […]. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Intonation der Schlag- und Harmonietöne im Allgemeinen gut gelungen ist. Störende Nebentöne konnten nicht eruiert werden. Ebensowenig konnte eine übermässige Härte der Klangentfaltung festgestellt werden. […]. In musikalischer Hinsicht kann die Abnahme der Glocken empfohlen werden“ (Gutachten in: StAB, Sammlung Hans Meyer, Nr. 74, Blatt 60 und 61).

nach Gerhard Hoffs, Köln (*1931)

Glocke IV:
Diese Glocke hat insofern einen hohen Denkmalwert, weil sie vom Geläute aus dem Jahre 1922 noch vorhanden ist. Im Prinzipaltonbereich (von Unteroktave bis Oktave) fällt auf, daß die Unteroktave zu tief ausgefallen ist. Man kann von einer None sprechen. Die Prime und die Terz gehen im Stimmungsmaß (z. B. -1) annehmbar mit dem Nominal einher. Dagegen ist die Quinte (bedingt durch die zu tiefe Unteroktave) reichlich tief ausgefallen. Man muß von einer verminderten Quinte sprechen. Der reich besetzte Mixturbereich ist frei von Störtönen. Die Duodezime (wichtig für die Festlegung des Nominals) geht im Stimmungsmaß (z. B. +2) genau mit der Oktave (+2) einher. Die Doppeloktave fällt, wie gewohnt, höher aus. Da die Nominalquarte nicht zu kräftig ausgefallen ist, übertönt sie den Nominal keineswegs. Insgesamt braucht nur von geringfügigen innenharmonischen Störungen gesprochen werden. 1922 war die Beschaffung von qualifiziertem Material erschwert, so daß die Abklingdauerwerte bis zu 50% unter dem heute zu fordernden Soll festgestellt werden. Das Klangvolumen, das Singtemperament der Glocke fällt entsprechend aus. Die Glocke ist ein Zeugnis der Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges und hat deswegen ihren Denkmalwert.

Glockengeschichte/ -maße im 2. Weltkrieg

Glocke I

 Kenn-Nummer   XV 5 132 C
 Gewicht  750 kg
 Größe  1060 mm
 Ton / Nominal  C
 Metall  Bronze
 Gußjahr  1868
 Gießer  Christian Claren, Sieglar
 Durch Kriegseinwirkung vernichtet  Nein

Glocke II

 Kenn-Nummer   XV 5 133 A
 Gewicht  577 kg
 Größe  970 mm
 Ton / Nominal  ES
 Metall  Bronze
 Gußjahr  1922
 Gießer  Bernard Edelbrock und Albert Junker
 Durch Kriegseinwirkung vernichtet   Ja

Glocke III

 Kenn-Nummer   XV 5 134 A
 Gewicht  350 kg
 Größe  830 mm
 Ton / Nominal  F
 Metall  Bronze
 Gußjahr  1922
 Gießer  Bernard Edelbrock und Albert Junker
 Durch Kriegseinwirkung vernichtet  Nein

Beiern in Sankt Martinus im schönen Merten

Beiermänner / Bammschläger

Als die letzten Beiermänner in Sankt Martin fallen mir spontan nur ein Herr Radermacher, August Bollenbeck, Heinz Leyendecker, Andreas Kuhl, Jörg Erlenbusch und seit neuestem Herr Achim Bursch aus Dersdorf ein. Der darf aber nur in unserem Merten beiern, weil man ihm "Asyl" gewährt hat und er sich, freundlicherweise, um den Nachwuchs kümmern soll. Herr Andreas Kuhl ist aus der Versenkung auch wieder erschienen und beiert wieder mit.
Wie ich damals zum Beiern gekommen bin ist eine lustige Geschichte die ich jedem Interessenten gerne erzähle; aber früher, vor ca. 25 Jahren, war dies einfacher als es heute leider ist und dafür wurde Herr Bursch nun eingesetzt. Außerdem ist Herr Bursch ein exzellenter Mensch i. B. a. Glockenkunde und deren Geschichte, gerade in Verbindung mit dem Beiern.

Glockenschlag tagsüber

Der Glockenschlag tagsüber ist zu hören um 6:30 Uhr, um 11:30 Uhr und um 18:30 Uhr und ich habe mich immer gefragt warum um diese ungeraden Uhrzeiten die Glocken erklingen. Beim gestrigen Pfarrfest, 31. Mai 2018, habe ich zwei Turmführungen gemacht und erhielt nach Jahrzehnten der Suche von zwei älteren Damen die Antwort. Im letzten und vorletzten Jahrhundert arbeiteten noch Menschen im Feld und hatten teilweise noch keine Armbanduhr. Darum schlägt um diese Zeit die Glocke – n. Morgens zum Aufstehen, mittags um das Mittagessen einzunehmen und abends um die Arbeit zu beenden. Herzlichen Dank nochmals an die beiden Damen, eine davon war Fr. Jülich, wohnhaft neben der Kirche, mit deren Tochter Susanne ich auch in die Grundschule ging. Fr. Jülich erzählte mir dann auch warum zu ihrer Kinderzeit die Totenglocke noch von Hand geläutet wurde. Rein zu Informationszwecken den Dorfbewohnern gegenüber. Für die heutige Zeit ist dies vermutlich nur schwer vorstellbar. Jeder hat heute ein Smartphone und erhält darüber die Information. Nur früher gab es diese technische „ Maschine“ noch nicht und dann erklangen die Glocken.

Vorgang des Beierns in der Kirche Sankt Martin

Im Mertener Kirchturm hängen zwar 4 Glocken, gebeiert wird aber nur mit den oberen 3 Glocken ( siehe Tabelle oben ), da sie melodisch und materialmäßig zusammenpassen. In diese 3 Glocken werden jeweils einzelne Extraklöppel gehangen, da die eigentlichen Klöppel zum Läuten viel zu schwer sind um sie zu bewegen. Diese 3 Extraklöppel sind dann über Drahtseile so verbunden, das sie an einem Punkt zusammen treffen, und zwar in Höhe der dritten Glocke. An diesem Punkt sitzt dann der Beiermann auf einem Stuhl und kann somit alle 3 Glocken gleichzeitig bedienen. Dann kann er alle 3 Glocken erklingen lassen und das ganze Dorf Merten mit seinem Beiern erfreuen!!!!! Diese Tätigkeit wird also von einem einzelnen Menschen durchgeführt und das ganze Dorf hört mit.

Außerhalb der eigentlichen Beier – Zeit wurde von mir bisher in Merten nur 2mal außerordentlich gebeiert. Dieses war/ist für Menschen die durch ihre Mitarbeit in der Pfarrgemeinde dieses verdient hatten/haben. Ansonsten bleibt es bei der gängigen Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. Diese Anlässe waren die Beerdigung von Herrn August Bollenbeck, ein alter Beierer der mich zum Beiern gebracht hatte, und vor ein paar Tagen bei einer Hochzeit. Diese Menschen hatten es einfach verdient zu Beiern, weil sie in der Pfarrgemeinde mitarbeiten oder mitgearbeitet haben. Vielen Dank nochmals von dieser Stelle.

Diese gängigen Beiersprüche in Merten sind überliefert:

Dä Schneipel, dä Schneipel die Branntwigsnas, 
süff esu vell Schabau wie in enem Fass.

Sebbe, Sebbe Säu in enem Stall
De Penn dropp, de Penn dropp.

 

Abschließend sei gesagt, dass Menschen die beiern, eine enge Verbindung zu den Glocken haben müssen mit denen sie arbeiten bzw. die sie erklingen lassen.

Dieses ist nur eine kleine Erklärung des Beierns, dessen Geschichte und verbunden damit die Glocken von Sankt Martin in Bornheim – Merten. Viel Spaß beim Lesen.

Andreas Kuhl

Quellen: Pfarrarchiv Sankt Martin Merten & eigene Erfahrung


Weiterführende Informationen zum Beiern können Sie auf den folgenden Seiten lesen: